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Foto RP: Matzerath Rheinische Post, 12.April 2001 - Nr.87 Das Portrait: Priester mit Stierhorn und Zauberstab
Mein spirituelles Leben

Nun wie kommt ein Mensch dazu als Heide Göttinnen und Götter zu ehren, die seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden vergessen scheinen. Wie kann ein Mensch, der die politischen und ökonomischen Bedingungen rational analysieren kann, behaupten er würde magisch arbeiten.

Ich möchte diese Frage erst einmal mit einer Gegenfrage beantworten. Wieso gibt es eine „C“DU und warum können Christen an Engel und den Teufel glauben und keinen stört das. Habt Ihr Euch mal gefragt was Katholiken so sonntags in der Kirche machen?

Nun Sie feiern einen archaischen Kultus. Sie verspeisen den Laib und das Blut des Sohnes Gottes, des Christos, also eine Art ritualisierten Kannibalismus.

 

Unerhört höre ich die empörten Bürgerinnen und Bürger rufen, die dies jetzt lesen. Doch nun muss ich diese Empörten zurechtweisen. Das und nur das ist der eigentliche Grund für die Spaltung der Christen in Katholiken und Protestanten.

 

Während in der Eucharistiefeier für die katholischen Christen durch den magischen Akt der Wandlung der Wein wirklich zum Blut und das Brot wirklich zum Laib Christi wird, sehen die evangelischen Christen dies nur als symbolische Handlung an.

 

Doch es geht ja in dieser Seite um mich als Person und nicht um theologische Grundsatzfragen der Christenheit.

 

 Zurück also zu der Frage, warum können Christen an Engel, Heilige und den Teufel glauben, während wir als Neuheiden im harmlosesten Fall nur mitleidig belächelt werden. Nun es geht um die Machtfrage, wer die spirituelle Macht in Deutschland und in der Welt besitzt. Die Christen haben sich seit Konstantin auf die Seite der Mächtigen geschlagen, denn im Gegenzug machten die Mächtigen das Christentum zur Staatsreligion. Dieser historische Deal gilt bis in die heutige Zeit.


So findet die Auseinandersetzung um die Herrschaft über die Menschheit auf beiden Ebenen statt im politischen und spirituellen Bereich statt. Getrennt handeln, vereint herrschen.

 

Für mich war das einschneidende Erlebnis, der Religionsunterricht an der katholischen Grundschule. Damals Mitte der 1960ger Jahre wurde noch das „Alte Testament“ an den Schulen durchgenommen. Hier offenbart sich der Christliche Gott, eigentlich müsste es ja der jüdische Gott heißen, denn das Christentum, also die Christusgläubigen existieren ja erst seit knapp 2000 Jahren, als Tyrann, der über Leichen geht und vor Unschuldigen keinen halt macht um seine Macht und seinen Alleinherrscheranspruch durchzusetzen.

 

Es ist wohl meinem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn zu verdanken, dass ich schon als Kind diesen Widerspruch reflektieren konnte. Die entscheidende Frage war: „Warum müssen in Ägypten alle Erstgeborenen sterben, ob Mensch oder Tier, weil ein Pharao die Israeliten nicht aus Ägypten ausziehen lässt. Was ist das für ein Gott?“ Seit dieser Zeit war das Christentum für mich erledigt. Das neue Testament ist für mich eine Farce, denn die ganze Zeit gibt es nur einen eifersüchtigen Gott der alles und jedes niedermacht, was sich seinem Alleinherrschaftsanspruch entgegensteht, und dann plötzlich soll alles ganz anders sein. Der allwissende und allmächtige Herrschergott hat einen Fehler gemacht? Nun die Religionslehrer sollten in den nächsten Jahren an mir verzweifeln.

 

Danach kam dann erst einmal nur noch die Politik. Doch mit der Zeit erkannte ich das Religion oder Spiritualität natürliche dem Menschen zugehörige Bedürfnisse sind. Seit die Toten in der Steinzeit nicht mehr einfach verscharrt wurden, sondern Grabbeigaben erhielten. Seit die Menschen die große Urmutter verehren, die Mutter alles Lebens, die Erdmutter.

 

Die Frage: „Wo kommen ich her, gibt es eine Grund auf diesem Planeten zu sein, wo gehen wir hin?“; sucht nach Antworten. Eine Zeit lang verfolgte ich den atheistischen Weg. Er ist rational und kam so meinen analytischen Fähigkeiten sehr entgegen. Doch auch die Atheisten haben sich letztlich einer Religion verschrieben, einer Religion des ewigen Nichts und der Sinnlosigkeit.

 

Wenn Ihr mal in eine Gegend kommt, in der die Lichtverschmutzung in der Nacht nicht so extrem ist, dann schaut in den Nachthimmel, wenn sich die Milchstraße in ihrer vollen Schönheit zeigt. Stellt Euch nun folgende Frage: „Das Universum dehnt sich bekanntlich aus, worin dehnt es sich eigentlich aus.“ Jetzt habt ihr zwei Möglichkeiten, entweder Ihr seid die ganze Nacht wach und am Morgen Wahnsinnig oder Ihr akzeptiert, dass sich dies Euch nicht erschließen kann. Natürlich gibt es die tollsten Theorien (z.B. die des in sich gefalteten Raumes, wo du durch eine Tür gehst um in gleichen Raum zu gelangen), doch sind das nicht auch nur spirituelle  „Glaubensätze“, die sich als Wissenschaft tarnen. Letztlich steht die Erkenntnis der Spiritualität nicht im Wege. Sie ergänzen sich, vieles was nicht erklärbar ist reflektiert sich durch die Spiritualität und jedes spirituelle Geheimnis das durch die Wissenschaft erklärt werden kann, lässt uns an Erkenntnis reifen. Uns ist nicht verboten die Früchte vom Baum der Erkenntnis zu naschen, es ist unsere Pflicht.

 

Die Magie ist nichts anderes als die Urmutter aller Wissenschaften. Ob Pharmazie, Sternenkunde, Medizin oder Soziologie oder Psychologie, erst kommt eine spirituelle Theorie, dann die wissenschaftliche Erkenntnis. Der sogenannte Placebo-Effekt ist den Heilern und Schamanen schon seit Anbeginn bekannt.

 

Doch als nächstes wandte ich mich erst einmal den asiatischen Philosophien zu. Besonders der Taoismus ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Ach ja, die Indianer Nordamerikas hatte ich ja vergessen. Doch da war es weniger die Spiritualität, als der Vernichtungskrieg der Weißen gegen die Ureinwohner Amerikas. Was allerdings auffällt in dieser Geschichte sind die vielen christliche Prediger, die die Verachtung der Indianer predigten. Dies kann man noch intensiver bei der Vernichtung der Indios und ihrer Kultur Lateinamerikas verfolgen.

 

Doch zurück zum Taoismus. Das interessante und anziehende für mich war, das diese Konzepte keine Religion sind, sondern philosophische Schriften sind, die sich mit den Fehlern der Menschen auseinandersetzen und Lösungen anbieten.

 

Der Taoismus bezeichnet sich als Weg, den der Mensch geht, den er verlassen, aber auch wiederfinden kann. Die wichtigste Erkenntnis ist, dass man das Dao nicht definieren kann, denn wenn ich es definiere ist es nicht mehr das Dao. Diese Erkenntnis hat ab dieser Zeit mein ganzes Denken beeinflusst. Es gilt sowohl in der Politik als auch in meinem spirituellen Leben.

 

Nach diesem Ausflug in die asiatische Philosophie, stellte sich mir die Frage, warum gehen die Menschen nach Poona, warum suchen Sie Ihr Heil im asiatischen Kulturkreis, warum ist der Buddhismus so anziehend. Warum wird in die nordamerikanischen Indianer, das Bild des edlen spirituell bewanderten Wilden projiziert.

 

Wenn wir uns also überall umschauen, warum gibt es in Europa kein spirituelles Erbe oder eine spirituelle Kultur. Was wir hier kennen sind die jedes Dorf oder Stadt beherrschenden Kirchen mit Ihrem alltäglichen, nach ihren Normen festgelegten Glockengeläut. Also eine im historischen Maßstab junge Glaubensbewegung mit einer 1400 bis 1600 jährigen europäischen Tradition, je nach Landstrich sogar noch jünger (Das Opfermoor in Oberdorla wurde noch um 12ten Jahrhundert als Kultstätte genutzt. www.opfermoor.de). Doch diese Religion hat es geschafft, unsere europäisches spirituelle Erbe fast vollständig zu vernichten..

 

Diese Frage führte mich dann in die vorchristliche Zeit und siehe da, es ist eine reiche Tradition, geprägt von keltischen, germanischen und slawischen Stämmen. All diese europäischen spirituellen Wurzeln sind tief vergraben und historisch leider durch  die Zeit der faschistischen Diktatur in Deutschland, bzw. der imperialistisch-nationalistischen Kaiserzeit missbraucht worden.

 

Und hier fügte sich dann alles zusammen. Meine Begeisterung für keltische Musik, egal ob aus Irland oder der Bretagne, seit ich sie zum erstem mal hörte, das mir Guinness sofort geschmeckt hat und Bücher, wie Marion Zimmer Bradley’s „Nebel von Avalon“ ein Gefühl des Zuhause sein gegeben haben, ein Urlaub in der Bretagne, die Alleen von Menhiren, die Steingutarbeiten in den Läden, die mich sofort in den Bann zogen.   

 

Es war als ob ich als kleines Kind meinem Kulturkreis entrissen worden wäre, sich aber in meinem Unterbewusstsein, diese Klänge, Geschmäcker und Fetzen der Erinnerung festgesetzt hatten um sich wieder in meinem Bewusstsein zu entfalten um mir zu sagen: „Das ist deine Heimat, hier kommst Du her und Du warst immer ein Teil davon, Willkommen zu Hause.“

 

Ja, es war in der Tat eine Wanderung, eine Wanderung zu einem Ziel das mir nicht bekannt war, eine rastlose Unruhe die mich getrieben hat um dann anzukommen.

 

Der Ruf der Ahnen, der Ruf alter Göttinnen und Götter und die der Geister der Natur haben sich dann für mich manifestiert. So konnte ich dann anfangen zu forschen und mich zu dem entwickeln, wer ich heute bin.


Politisch wie spirituell, steht für mich die Gemeinschaft im Mittelpunkt, eine Gemeinschaft, die einem die Sicherheit und Geborgenheit gibt, aber die die persönliche Entwicklung nicht behindert. Natürlich gibt es in allen Bereichen der menschlichen Existenz sowohl Traditionalisten als auch engstirnige und unbelehrbare Fundamentalisten.


Da es aber heute wie in der Vergangenheit keine übergeordnete alles bestimmende Macht gibt, wie im Katholizismus der Papst, bzw. Rom, kann sich jeder im Neopaganismus so entwickeln wie er es will und ist letztlich nur seinem eigenem Gewissen verantwortlich.